Geistesgegenwärtig 2/16

DIE SCHÄRFSTE WAFFE DER POLIZEI

Polizisten auf den Weg in den Einsatz

Erfahrungen eines Polizisten über die Macht der Worte im polizeilichen Einsatz

Von Jürgen Stecken

Als ich Mitte der 1970er Jahre zur Polizei ging und nicht lange danach Christ wurde, erlebte ich mitunter die Konfrontation mit folgender Frage: „Wie kann ein Christ eine Waffe tragen und davon gegebenenfalls Gebrauch machen?“ Viele christliche und gesellschaftliche Kreise waren pazifistisch ausgerichtet und staatliche Autoritäten wie Bundeswehr und Polizei wurden kritisch gesehen. Heutzutage trägt die Anwesenheit der Polizei in der Öffentlichkeit eher zu einem größeren Sicherheitsgefühl der Bevölkerung bei.

Für mich war von vornherein klar, dass die Benutzung der Schusswaffe nur ein letztes Mittel sein konnte, um das Leben von Menschen oder mein eigenes zu retten. Bei vielen Einsätzen hatte ich die Waffe in der Hand, musste aber glücklicherweise nie davon Gebrauch machen. In den verschiedensten Einsatzsituationen, in denen hin und wieder auch Zwangsmittel eingesetzt wurden, lernte ich die eigentlich wichtigste und schärfste Waffe der Polizei kennen: das Wort.
Das gesprochene Wort hat eine große Macht. Worte können enttäuschen, entmutigen, zerstören, die Atmosphäre vergiften, den Frieden gefährden, verletzen sowie Streit, Aggression und Konflikte hervorrufen. Ebenso können Worte aufbauen, ermutigen, anerkennen, loben, danken, schützen, zum Nachdenken anregen, Freude auslösen, zum Guten und Frieden beitragen, Streit schlichten und erhitzte Gemüter beruhigen. In Situationen, in denen Menschen Hilfe brauchen, zum Beispiel bei Verkehrs- und Unglücksfällen, Gefahrensituationen und Schicksalsschlägen, kann das einfühlsam gesprochene Wort Trost spenden, Hoffnung erzeugen und beruhigen. In der Bibel wird viel zu diesem Thema gesagt, beispielsweise im Jakobusbrief: „Die Zunge ist zwar klein, aber ihre Wirkung ist groß“ (Jak 3,5).
Vorbild in dem mit Vollmacht, Autorität, Weisheit und Liebe gesprochenen Wort ist Jesus, der immer die richtigen Worte fand. Er traf mit seinen Worten stets genau in die Herzen der Menschen. Er forderte sie heraus, provozierte, zeigte tiefes Verständnis und Barmherzigkeit, sprach Worte der Hoffnung, der Erlösung, des ewigen Lebens. Zu den kommunikativen Anforderungen an Jesus-Nachfolger heißt es in der Bibel: „Wer sich im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mann und kann sich auch in anderen Bereichen beherrschen“ (Jak 3,2).
Eine gute Streitkultur zeichnet sich dadurch aus, dass man trotz gegenteiliger Meinungen rücksichtsvoll und wertschätzend miteinander umgeht und auf dieser Basis Konflikte miteinander löst. Dies zu erlernen und zu praktizieren, ist Alltag der polizeilichen Führungskräfte im Umgang mit ihren Mitarbeitern. Im polizeilichen Einsatz hingegen gelten meist andere Maßstäbe. Hier ist die Polizei nicht Streitpartei, sondern hat einen gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, nämlich den Auftrag der Gefahrenabwehr und Strafverhütung bzw. -verfolgung.

VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL

Die Polizei ist im Umgang mit Hooligans, Rockern, radikalen rechten und linken Demonstranten und anderen Problemgruppen nicht Streitpartei, sondern muss die öffentliche Sicherheit und Ordnung erhalten bzw. wieder herstellen. Grundrechtseingriffe erfolgen nach gesetzlichen Bestimmungen, insbesondere nach den Polizeigesetzen der Bundesländer und nach der Strafprozessordnung. Hierbei gilt es, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren.
Die Anwendung unmittelbaren Zwangs durch körperliche Gewalt und durch Waffen unterliegt einer besonderen Prüfung. Manchmal geht es nicht anders, um Streit zu schlichten. Ich erinnere mich an einen volltrunkenen, randalierenden Hafenarbeiter mit einem ungeheuer umfangreichen Bizeps, der mit Worten nicht zu beruhigen war und auf meinen Streifenkollegen und mich losging. Beim notwendig werdenden Schlagstockeinsatz schien es, als würde er die Schläge gar nicht spüren. Schließlich gelang es uns, ihn mit Handschellen zu fesseln und der Ausnüchterungszelle zuzuführen. Als mein Kollege und ich am nächsten Abend zum Nachtdienst kamen, stand der Mann sauber gekleidet und ordentlich gekämmt in der Wache, um sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Vermutlich hatte er eine Reihe blauer Flecken, und sein Körper erinnerte ihn eine Zeit lang an den Vorfall.
Bei einem ganz anderen Einsatz, zu dem die Polizei von Nachbarn gerufen wurde, hatte eine Frau mittleren Alters tagelang im Bett gelegen. Sie befand sich offenbar in einer Lebenskrise und schien sich aufgegeben zu haben. Ich war als junger, noch unerfahrener Polizist damit konfrontiert und gab mir alle erdenkliche Mühe, der Frau gut zuzureden.
Irgendwie trug dieser Zuspruch Früchte. Zum Schluss hatte auch der hinzugerufene Arzt den Eindruck, dass man keine weitergehenden Maßnahmen treffen müsste. Tatsächlich traf ich die Frau ein paar Tage danach in positiver Haltung und ordentlicher Verfassung mit offensichtlich neuem Lebensmut auf der Straße. Sehr früh in meinem Polizistenleben merkte ich, was Worte bewirken können.
Mit einer Gruppe Obdachloser, zu denen mein Streifenkollege und ich gerufen wurden, weil sie lauthals die Nachtruhe störten, bemühte ich mich um einen ernsthaften Dialog. Sie nahmen das Gesprächsangebot an und schilderten mir ihre Erfahrungen, die aus Schicksalsschlägen, Alkoholsucht, Arbeitslosigkeit, einem Leben auf der Straße und fortwährender Hoffnungslosigkeit bestanden. Die „Penner“ wunderten sich über einen Polizisten, der ihnen zuhörte und Verständnis zeigte und beruhigten sich nach und nach.

EINEN KÜHLEN KOPF BEWAHREN

Auch wenn Polizisten keine Sozialarbeiter sind, braucht es soziale Kompetenzen in der Polizeiarbeit. Aktives Zuhören, effektive Sprache und Instrumente der Konfliktbewältigung gehören zum Rüstzeug für einen Beruf, bei dem man es vorwiegend mit Menschen zu tun hat. Menschen verstehen zu wollen heißt nicht, ihnen zuzustimmen. Und natürlich man darf nicht erwarten, dass die Polizei von miteinander streitenden Personengruppen begrüßt wird. Nicht selten solidarisieren sich die Streitparteien gegen die eintreffende Polizei. Es ist höchst anstrengend, rivalisierende Gangs, Rockerbanden, Fußballfans oder politische Extremisten voneinander zu trennen. Oft genug gerät die Polizei zwischen die Fronten oder sieht sich einer Übermacht an Störern gegenüber wie in der letzten Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof. Hinterher Fehler zu erkennen, ist vom grünen Tisch aus einfach. Aber im Einsatz einen kühlen Kopf zu bewahren und die richtigen Maßnahmen zu treffen, ist oft sehr nervenaufreibend und anspruchsvoll.
Ich habe es mir bei zu erwartenden schwierigen Einsätzen zur Gewohnheit gemacht, bei der Anfahrt Gott um seine Hilfe zu bitten und durfte immer seinen Schutz und seine Bewahrung erfahren. Oft genug bitte ich auch um Weisheit für die rechten Worte und Maßnahmen. Im Jakobusbrief steht: „Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird sie ihm gegeben werden“ (Jak 1,5). Was für eine Zusage und Verheißung!
Eine solche Weisheit braucht jeder Christ und jeder Polizist, besonders, wenn es im Streit und im Einsatz schwer ist, die Emotionen zu kontrollieren und besonnen zu bleiben. Die für einen Privatmann sinnvolle Zurückhaltung ist der Polizei in der Regel nicht möglich. Sie muss handeln und unfriedliche Situationen beenden. Trotz aller Gefahren und Risiken des Polizeiberufes ist es aber insgesamt eine lohnenswerte und befriedigende Aufgabe, zum Frieden und zur Sicherheit der Gesellschaft beizutragen.

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