Nichts bleibt geheim

Torsten Bödeker

"Go tell it on the mountain". Dieses Buch muss ich wohl noch einmal lesen. Amerikanische Klassik, Geschenk eines Harward–Universitätsdozenten – und ich habe nur die Hälfte verstanden. Soviel immerhin, dass ein Blick hinter die Fassade einer New Yorker Ghettokirche gezeigt wird. Und dass der 1924 in Harlem, New York geborene Autor James Baldwin, Stiefsohn eines Predigers, darin seine eigene Kindheit verarbeitet. In dem Roman haben einige Hauptpersonen ihr Leben und ihre herausragende Stellung in der Kirche auf gravierenden Lügen aufgebaut. Gegen das, was sie anderen predigen, haben sie selbst am schwersten verstoßen. Es kostet sie enorme Anstrengung, ihre Lebenslügen aufrechtzuerhalten und die Wahrheit immer weiter zu vertuschen. Stolz treibt sie an. Das Kapitel, in dem Baldwin diese Lügen offenbart und den Leser damit in Abgründe schauen lässt, nennt er interessanterweise "Die Gebete der Heiligen".

Mit einer Lebenslüge lebten beispielsweise auch die Brüder Josefs, nachdem sie diesen an durchreisende Händler als Sklaven verkauft hatten. Immer hatte ihr Vater Jakob seinen spätgeborenen Sohn Josef bevorzugt, und nun erhofften die Brüder sich, endlich selbst mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Sie zeigten Jakob den mit Tierblut getränkten Mantel Josefs und gaben sich alle Mühe, ihn über den vermeintlichen Tod seines Lieblingssohns zu trösten. Doch durch die Trauer Jakobs wurde das Verhältnis zu den Söhnen nur noch mehr belastet. Atemberaubend - und übrigens sehr gut verständlich - ist im Alten Testament (1. Mose 37 bis 45) zu lesen, wie eine Hungersnot die Familie später wieder zusammenbringt. Die Lüge der Brüder Josefs kommt zuletzt doch ans Licht. Aber bis dahin führt sie nur zu Entfremdung, Uneinigkeit und Zerbruch. Jesus bringt es auf den Punkt, wenn er den Teufel als den Vater der Lüge bezeichnet (Johannes 8, Vers 44).

Zurück zu James Baldwin und dem Kapitel über die „Heiligen“ in seiner Kirche. Lebenslügen, Stolz und Heuchelei unter Christen? Ja, auch das gibt es, und die Bibel verkennt die notvollen Folgen nicht. Der Apostel Johannes ruft dazu auf, uns nicht gegenseitig zu betrügen, als wären wir perfekt und tadellos. Vielmehr sollen wir die Möglichkeiten nutzen, mit Gottes Hilfe "reinen Tisch" zu machen. Im 1. Johannesbrief heißt es in Kapitel 1, Vers 9: „Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, dann erweist sich Gott als treu und gerecht: Er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen.”

Nichts bleibt geheim. Was heute heimlich geschieht, werden eines Tages die Spatzen von den Dächern pfeifen. Aber Menschen, die ihren Stolz ablegen und sich der Wahrheit stellen, erleben, dass sie aus einem Teufelskreis herauskommen. Die Wahrheit macht sie frei, stärkt den Glauben und lässt ihre Beziehungen tiefer werden. Das ist die gute Nachricht, die jeder hören soll.

Torsten Bödeker, Leitender Polizeidirektor
CPV–Landesgruppenleiter Hamburg