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Idea Spezial 2019

Advent & Arbeit

Weihnachten im Dienst

Polizeistrife auf Weihnachtsmarkt

Jörg und Anne Prasse

Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und Pflegekräfte verbindet, dass sie an Weihnachten arbeiten müssen. Auch Polizisten sorgen in Zwölf – Stunden–Schichten für Ruhe und Sicherheit an den Feiertagen. Jörg und Anja Prasse (Foto) aus dem thüringischen Meiningen sind seit gut 25 Jahren bei der Polizei. Sie erzählen, warum Weihnachten im Dienst eine besondere Zeit ist. Aufgezeichnet von Romy Schneider.

Traurig. Das fällt uns ein, wenn wir an Einsätze an Weihnachten denken. Häufig eskalieren Familienstreitigkeiten. Wenn dann noch viel Alkohol ins Spiel kommt, entladen sich aufgestaute Emotionen. Der Druck, ein besinnliches Fest feiern zu müssen, ist extrem hoch. Am Ende wird gedroht, gebrüllt, geschlagen. Oder Nachbarn beschweren sich über Ruhestörungen in der "Stillen Nacht". Andererseits herrscht in der Schicht unter den Kollegen eine besondere Stimmung. Dann ist der Dienst nicht ganz so traurig. Wir essen zusammen, alles läuft ruhiger, man spricht auch mal darüber, „wo der Schuhe drückt”. Irgendwo steht meist eine Dose mit Weihnachtsplätzchen. Natürlich von Kollegen mitgebracht. Lieb gemeinte Geschenke von Bürgern oder Firmen, etwa einen Stollen, dürfen wir gar nicht annehmen.

Ich fühlte mich hilflos

Kommt ein Notruf rein, hofft man, dass es nichts Dramatisches ist. Keine Leiche. Kein Unfall. Keine Todesnachricht überbringen. Ich (Jörg Prasse) erinnere mich an einen Verkehrsunfall. Es war nachts. Ich hatte Dienstschluss. Vielleicht fuhr der Mann zurück von einer Familienfeier. Vielleicht war er am Steuer eingeschlafen. Ein Fahrfehler war jedenfalls nicht auszumachen. Der Mann war schwer verletzt. Mein Kollege und ich warteten auf den Krankenwagen. Ich blieb bei dem Verletzten. Doch er verstarb vor meinen Augen. Ich fühlte mich hillos. Überfordert. Ich konnte nur dastehen. Nichts mehr tun. Damals war ich noch kein Christ. Heute hätte ich in der Situation für ihn gebetet.

Bilder im Kopf

Auch Polizisten kommen an ihre Grenzen. Als junge Beamtin wollten mich (Anja Prasse) die Kollegen nach einem Einsatz nach Hause schicken. Es war der zweite Weihnachtsfeiertag. Der Notruf ging ein. Ein Obdachloser hatte "etwas" gefunden. Könnte aber auch eine Puppe sein, sagte er. Draußen war es bitterkalt. Die Puppe war ein Baby. Ein Junge. Vielleicht einen Monat alt. Nackt, steif gefroren lag er im Gebüsch. Die Kriminalpolizei übernahm die Ermittlungen. Man bot mir psychologische Hilfe an. Ich sollte nach Hause gehen. Mir Zeit nehmen. Die Bilder aus dem Kopf bekommen. Doch daheim wartete niemand auf mich. Meine Eltern wohnen weiter weg. Allein zu Hause hätte ich zu viel gegrübelt. Also blieb ich im Dienst und sprach mit den Kollegen über den Einsatz. Heute würde ich mich freuen, wenn ich mit ihnen auch beten könnte.

Wir sind das ganze Jahr über Christen

Man sollte annehmen, dass Advent und Weihnachten die ideale Zeit ist, um mit Kollegen über den christlichen Glauben zu sprechen. Doch gerade dann ist es schwierig. An die Stelle von Jesu Geburt sind Geschenke-Stress und Kommerz getreten. Aber wir sind schließlich das ganze Jahr über Christen. Das wissen unsere Kollegen. Ab und an kommen die Gelegenheiten, und wir sprechen über unseren Glauben an Jesus. Hat ein Kollege ein Problem, fragen wir schon mal, ob wir dafür beten dürfen.

Wertschätzung ohne Worte

Vertrauen und gute Beziehungen sind wichtig. Das wünschen wir uns. Und mehr Dankbarkeit. Wir können für so vieles dankbar sein: eine Arbeit, eine Familie, Frieden. Früher kam an Heiligabend immer eine christliche Gruppe auf der Wache vorbei. Sie schenkten uns eine Kerze; das symbolische "Friedenslicht". Es war eine schöne Geste der Wertschätzung für die Polizisten und ihren Dienst. Jemand denkt an uns an Weihnachten. Mit den Royal Rangers aus unserer Gemeinde führen wir die Tradition fort. Dann bringen die Kinder den Kollegen ein Friedenslicht. Wir wissen genau: Die Kerze wird auf der Wache weiter brennen – wie ein Licht in der Dunkelheit.

Jörg und Anja Prasse

sind heute Ausbilder an der Polizeischule. Sie sind Mitglied der freikirchlichen Christusgemeinde Meiningen und feiern Weihnachten gemeinsam mit ihren zwei Kindern. Dienstfrei.

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