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20. Mai 2020

Porträt

„Der schlägt mich tot”

 Polizeifahrzeug

Polizeihauptmeister Dennis Heinsohn (Hamburg) arbeitet als Puppenspieler, um Kindern die Verkehrsregeln beizubringen. Dass der 43–Jährige überhaupt noch als Polizist tätig ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn bei einem Einsatz wäre er fast ums Leben gekommen. Ein Porträt von idea–Redakteur Klaus Rösler

Was Dennis Heinsohn damals erlebt hat, gäbe Stoff für einen Krimi. Als junger Polizeihundeführer in Hamburg hört er über Funk, dass zwei als Zivilfahnder tätige Kollegen Hilfe anfordern. Sie sind Autoschiebern aus Polen auf der Spur und wollen ein verdächtiges Auto kontrollieren. Als er eintrifft, hält ein Beamter zwei Männer, die auf dem Boden liegen, in Schach. Der andere versucht, einen weiteren Verdächtigen festzunehmen. Doch der wehrt sich. Heinsohn will helfen, lässt aber seinen Hund im Auto. Der aggressive Mann reißt sich los und flüchtet in einen Hinterhof. Heinsohn folgt und will ihn festnehmen. Doch der Mann greift ihn an. Der Polizist zückt sein Reizgas und sprüht es in das Gesicht des Mannes. Doch es wirkt nicht. Stattdessen wirft der Mann den Beamten zu Boden, kniet sich auf ihn und schlägt ihm immer wieder mit der Faust ins Gesicht, so dass sein Kopf wiederholt auf das Pflaster aufschlägt. Mindestens 18-mal schlägt er zu. Heinsohn hat Todesangst: „Der schlägt mich tot!” Er ruft um Hilfe. Es dauert eine Weile, bis die eintrifft. Zwei Polizisten schaffen es kaum, den Schläger zu bändigen und ihm Handschellen umzulegen.

Die Liebe Gottes gespürt

Heinsohn sieht furchterregend aus. Sein Gesicht ist blutüberströmt. Anwohner reichen ihm eine Schüssel mit warmem Wasser, so dass er sich das Blut abwaschen kann, und Papiertücher, um die Wunden zu reinigen. Und auf einmal passiert etwas, mit dem der junge Polizeibeamte nie gerechnet hätte: „Ich spürte eine Kraft auf mich kommen, die in mein Herz eindrang. Es fühlte sich an, als wenn die Liebe Gottes wie eine Flüssigkeit in mein Herz gegossen wurde.” Ihm sei die Anwesenheit Gottes plötzlich deutlich bewusstgeworden. Die Folge: Er gibt die Schale und Tücher dem Mann, der ihn wenige Augenblicke zuvor beinahe umgebracht hätte. Heinsohn: „Dabei fühlte ich mich von Gott getragen.” Und er vergibt dem Täter. Er spürt auch später niemals Bitterkeit, Hass– oder Rachegefühle. Im Aufarbeitungsprozess spielt es für ihn dann keine Rolle mehr, ob der Mann seine Tat bereut. Heinsohn: „Ich bin frei und konnte von Gott Heilung empfangen.” Der Täter schlägt wenig später im Krankenhaus eine Ärztin nieder und flieht nach Polen. Bei der Wiedereinreise nach Deutschland wird er aber verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Keine Karriere bei der Polizei

Nicht ganz so einfach gestaltet sich dagegen Heinsohns weiterer Dienst bei der Polizei. Zwar kann er schon zwei Wochen später wieder arbeiten, aber er ist traumatisiert und nur noch eingeschränkt dienstfähig. Es besucht mehrere Reha–Maßnahmen. Doch es dauerte Jahre, bis auch die Polizei den Vorfall als Dienstunfall akzeptiert. Beförderungen sind ihm weithin verwehrt. Bitter ist er nicht: „Was ich jetzt tue, ist ein Herzenswunsch von mir.” Er hofft, dass die Corona-Pandemie bald überwunden ist und er den Kindern wieder zeigen kann, wie man sich im Straßenverkehr sicher bewegt. Gerne bringt er sich auch in der Christlichen Polizei–Vereinigung (CPV) und im Gebetshaus Hamburg ein.

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