Eine seltsame Begegnung

Fahrradstreife

Als ich an einem heißen Tag im Frühsommer gegen 12:30 Uhr zu meiner Dienststelle fuhr, freute ich mich über den vor mir liegenden Spätdienst, für den ich zusammen mit einem weiteren Kollegen als Mountainbike–Streife eingeplant war. Ich schätze diesen Dienst auf dem Fahrrad, der Bürgernähe, Sportlichkeit und einen Tag an der frischen Luft bedeutet.

In der Dienststelle angekommen, sollten mein Kollege und ich uns einigen, wer von uns beiden für die ersten zwei Stunden den unliebsamen Anzeigendienst auf der Wache erledigt, bis die dafür eingeteilte Kollegin zum Dienst erscheint. Morgens hatte ich noch in meiner Bibel im Matthäusevangelium Kapitel 5 Vers 41 gelesen, dass Jesus uns dazu auffordert, die "zweite Meile" zu gehen. Also "opferte" ich mich freiwillig für die Anzeigenaufnahme in der Gewissheit, dass Gott mich auch durch den unbeliebten Job gebrauchen will. Der Kollege war froh und fuhr schon mal alleine mit seinem Mountainbike los.

Ich nahm derweil drei Anzeigen auf, bis die Kollegin, die für diesen Dienst vorgesehen war, eintraf. Dann durfte auch ich mit meinem Dienstmountainbike auf Streife fahren. Während ich in der Wache mir meine Geräte zusammenpackte, bekam ich den Einsatz mit, den die Wachdienstführerin gerade annahm. Ein besorgter Anwohner meldete eine "hilflose Person", die an einem Stromkasten gegenüber seinem Haus liegen sollte. Ich bot mich an, den Einsatz wahrzunehmen, und radelte schnell zu der genannten Einsatzörtlichkeit.

Dort sah ich einen augenscheinlich Obdachlosen im hohen Gras neben dem Gleisbett der S – Bahnlinie in Höhe des Bahnübergangs, an einem Verteilerkasten gelehnt, sitzen. Dies musste meine Person sein. Ich stellte mein Fahrrad am Zaun neben der Schranke ab und trat zu dem Mann, der gerade ein Picknick mit Brötchen, Käse und Rotwein aus dem Tetrapack machte. Ich stellte mich vor und bat ihn, sich auszuweisen. Er kaute an seinem Brötchen mit Frischkäse, von dem auch etwas in seinem Bart hing, und schaute mich an. Er war ungepflegt und roch nicht gerade angenehm. Mit gereizter Stimme fragte er, ob sich wieder einmal jemand über ihn beschwert habe. Dabei kramte er in seinem Rucksack nach seinem Ausweis. Ich erwiderte ihm, dass sich ein Anwohner Sorgen um ihn gemacht und deshalb die Polizei gerufen habe. Mit den Worten: "Es liegt derzeit nichts gegen mich vor", übergab der Mann mir seinen Ausweis. Ich rief die Kollegin in der Wache mit meinem Handy an, um die Daten des Mannes mit dem Fahndungsbestand abzugleichen. Er war kein "unbeschriebenes Blatt", aber er hatte Recht, dass er nicht zur Fahndung ausgeschrieben war. Ich sagte ihm, dass hier direkt am Bahnübergang neben dem Gleisbett kein guter Platz zum picknicken sei und forderte ihn auf, seine Sachen zu packen und sich einen geeigneteren Ort zum Ausruhen zu suchen.

Ziemlich umständlich fing der etwas über 50jährige an, seine Habseligkeiten zusammen zu packen. Dabei sagte er zu mir: "Ich glaube an Gott." Ich sagte: "Ich auch." Woraufhin er hinzufügte: "Und an seinen Sohn, Jesus Christus.", was ich mit "ich auch" erwiderte. Er unterbrach sein Packen und schaute mich an. Dann fragte ich ihn, ob er denn auch eine Bibel habe. "Oh ja", rief er freudig aus und kramte aus seinem Rucksack ein Neues Testament hervor. Dann stand er auf und las mir freudig ein ganzes Kapitel aus dem Philipperbrief vor, das er am Morgen gelesen hatte.

Inzwischen hatte sich die Schranke des Bahnübergangs geschlossen, so dass Insassen in den wartenden Autos bei ausgeschaltetem Motor und herunter gelassenen Scheiben aufgrund der Sommerhitze sehen und hören konnten, was ich mit dem Obdachlosen besprach. Auch die Anwohner von dem Haus gegenüber standen interessiert an den Fenstern und beobachteten die Szene.

Im Anschluss an das Kapitel aus der Bibel erklärte mir der Mann noch, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, der als Mensch in einem Stall zur Welt kam, dass er Karfreitag ans Kreuz geschlagen wurde, starb und an Ostern auferstanden ist, damit jeder Mensch, sofern er an Jesus glaubt, Vergebung seiner Schuld empfangen kann – kurz er erklärte mir in einfachen Worten das Evangelium. Dann nahm er seine Gitarre und sang "We shall overcome" und ich sang leise und etwas verschämt mit. Die Leute am Haus gegenüber standen immer noch an den Fenstern und die Schranken gingen wieder runter, so dass sich erneut eine Fahrzeugschlange bildete, deren Insassen schnell auf den Obdachlosen mit der Gitarre und die Polizistin in Fahrradkleidung, aufmerksam wurden.

Nachdem sich die Schranken öffneten, dachte ich, dass es nun höchste Zeit sei, diesen Ort zu verlassen, bevor sich die Schranken erneut schließen. Um den Packvorgang meines neuen Freundes zu beschleunigen, schnappte ich mir seine Gitarre und sagte ihm, dass ich sie ihm rüber auf die andere Seite der Bahnlinie trage, wo sich eine Bushaltestelle mit einem Abfalleimer befand. Er wollte mir seine Gitarre schenken, was ich aber dankend ablehnte. Er trug dann seinen Rucksack in der einen Hand und in der anderen den Müll zu dem Abfalleimer an der Bushaltestelle. Während er zu der Haltestelle ging, wartete ich mit meinem Fahrrad in der linken und seiner Gitarre in der rechten Hand auf seine Rückkehr. Da kam ein älteres Ehepaar an mir vorbei gelaufen. Der Mann kommentierte: "Das ist doch mal was neues, die Polizei kassiert ein Verwarnungsgeld und bringt dabei ein Ständchen auf der Gitarre!" Ich erwiderte: "Die Idee ist nicht schlecht, aber ich kann leider nicht Gitarre spielen, ich halte sie nur so lange für den Herrn da drüben am Abfalleimer, bis er seinen Müll entsorgt hat." Das Paar schaute rüber zum Obdachlosen und ging weiter.

Er kam zu mir zurück. Ich fragte ihn nun, warum er keinen festen Wohnsitz habe. Er erzählte mir, wie er seine Frau vor ein paar Jahren verloren habe. Ihr Tod habe ihm den Boden unter den Füßen weg gezogen und seitdem lebe er auf der Straße und fühle sich dazu berufen, den Obdachlosen zu predigen. Ich sagte ihm, dass es sicher eine prima Sache sei, den Obdachlosen von Gottes Liebe zu erzählen, aber dass ich in meiner Bibel nirgendwo finde, dass man dazu selbst ein Obdachloser sein soll, der anderen bzw. dem Sozialstaat auf der Tasche liegt. Im Gegenteil, die Bibel fordert uns dazu auf, für unseren Lebensunterhalt zu arbeiten und dass ich mir sicher bin, dass, gerade weil er ein Nachfolger Jesu ist, er auch die Kraft bekommen kann, vom Alkohol und dem Leben auf der Straße wegzukommen.

Diese Aussage gefiel ihm augenscheinlich nicht so gut, er wirkte aber nachdenklich. Bevor ich weiter fahren wollte, sagte er noch, dass er für mich beten werde und bat mich darum, auch für ihn zu beten. Ich sagte ihm, dass ich gerne für ihn bete und zwar, dass er es schafft, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Wir verabschiedeten uns mit einem herzlichen Händedruck und ich fuhr mit meinem Fahrrad davon. Lange noch dachte ich über diesen Einsatz nach. Ich kam zu dem Schluss, dass Gott mich bereits morgens beim Lesen in meiner Bibel (Bergpredigt) auf diese Begegnung vorbereitet hatte.

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