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12. März 2020

Porträt

Boshard bei Vortrag
Boshard bei einem Vortrag der Christlichen Polizeivereinigung (CPV)

Karriere
Sein Leben böte Stoff für eine mehrteilige Krimi-Serie im Fernsehen: Der heute 71–jährige Joachim Boshard aus Meckenheim bei Bonn arbeitete sich vom Streifenpolizisten bis zum Spezialisten im Bundeskriminalamt hoch. Er erlebte den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF). Manche einst bekannten Politiker kennt er persönlich – als Personenschützer. Wichtiger als seine Karriere ist ihm jedoch sein christlicher Glaube. idea–Redakteur Klaus Rösler hat ihn getroffen.

Als Christ beim BKA

Joachim Boshard wächst im hessischen Bad Homburg auf – in problematischen Verhältnissen. Der Vater ist alkoholabhängig, die Mutter tablettensüchtig. Dennoch kümmern sich die Eltern um ihren Sohn, so gut sie es können. Dass er selbst nicht abstürzt, verdankt er der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde, in der er konfirmiert wird. Zwei Studenten kümmern sich darum, dass die jungen Konfirmanden sich weiter zur Kirche halten. Er schließt sich einer "Jungenschaft" an. Einer der jungen Leiter, erinnert sich Boshard heute, durchblickt wohl die schwierige Lage bei ihm zu Hause und nimmt ihn mit zu sich: „Dort erlebte ich etwas, was ich mir nicht mal vorstellen konnte: eine heile Welt.” Boshard geht in den CVJM, nimmt an Evangelisationen teil und irgendwann wird ihm klar, dass er Gott in seinem Leben braucht. „Ich habe mich bekehrt – ganz ohne Holzhammermethode”, erinnert er sich.

Mit 21 Freund und Helfer
Was soll er werden? Die Antwort auf diese Frage fällt ihm nicht leicht. Er macht den Realschulabschluss, aber in Vorstellungsgesprächen für eine Handwerkerlehre wird ihm deutlich: Das ist nichts für dich. Am Ende bewirbt er sich bei der Polizei – und wird genommen. Er besucht die Polizeischule in Wiesbaden, sein erster Dienstort ist jedoch das heimatliche Bad Homburg. Er wird überall dort eingesetzt, wo man ihn braucht. Im Rückblick stellt er fest, dass die Anfänge schwer waren: „Ich war 21 Jahre alt und sollte auf einmal Freund und Helfer sein.” Nach zwei Jahren im Streifendienst wechselt er zur Kriminalpolizei – und holt während der Ausbildung die Fachhochschulreife nach. Er wird Kriminalkommissar.

Boshard als junger Polizist

Mitten in den Ermittlungen gegen die RAF
1975 ermittelt plötzlich die Sonderkommission Baader–Meinhof des Bundeskriminalamtes in Bad Homburg – benannt nach den Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Der Anlass: Im Schlossteich sind Waffen gefunden worden. Und eine Wohnung in der Stadt scheint verdächtig zu sein. Eine konspirative Wohnung der RAF? Die Soko braucht Unterstützung eines ortskundigen Kriminalpolizisten. Die Wahl fällt auf Boshard. Er macht seine Arbeit offenbar gut, denn der Soko–Leiter fragt ihn nach Abschluss der Ermittlungen, ob er nicht zu ihnen nach Bonn wechseln wolle.
Er will. Und zieht mit seiner Frau Hildegard und den zwei Kindern um – zunächst nach Unkel am Rhein, später nach Meckenheim bei Bonn. Plötzlich steckt er mitten drin in den Ermittlungen gegen den RAF-Terror. 1977 wird Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet, ebenso Hanns Martin Schleyer, der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und des Bundesverbands der Deutschen Industrie; schließlich wird das Lufthansa–Flugzeug "Landshut" durch vier palästinensische Terroristen entführt. Als die Maschine durch die Sondereinheit GSG 9 der Bundespolizei auf dem Flughafen von Mogadischu befreit wird, begehen drei der in Stuttgart–Stammheim einsitzenden Terroristen – Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan–Carl Raspe – Selbstmord. Mitunter bekommt Boshard Angst. Etwa als er im Zuge der Fahndung nach Hanns Martin Schleyer zusammen mit Kollegen eine konspirative Wohnung in Köln stürmen muss: „Da habe ich gebetet.” Über Details seiner Arbeit in der Soko darf er bis heute nicht sprechen. Er wählt die wenigen Worte mit Bedacht: „Das war sehr heftig. Überstunden waren kein Fremdwort.”

als Personenschüutzer von Bundeskanzler Schmidt

Befreundet mit Verteidigungsminister Wörner
Als seine Dienststelle wegen einer Ermittlungspanne nach Wiesbaden verlegt wird, geht er nicht mit, sondern wechselt in den Personenschutz. Vier Jahre kümmert er sich um die Sicherheit des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD). Als dessen Regierung 1982 stürzt und Helmut Kohl Kanzler wird, schützt Boshard anschließend Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner (CDU). Zu Wörner entsteht sogar ein vertrauensvolles, persönliches Verhältnis. Beide stammen aus dem CVJM. Der Minister bittet Boshard ab und zu bei einem Glas Bier sogar um Rat: „Sagen Sie mal Boshard: Wie denken die Menschen wirklich?” Das ist durchaus ernst gemeint. Denn Spitzenpolitiker leben in ihrer Blase oft so weit weg vom wirklichen Leben, dass sie Hilfe suchen, hat Boshard herausgefunden. Die Freundschaft hält sogar an, als Wörner der bisher erste und einzige deutsche Generalsekretär der NATO wird. Auf dem Heimweg von Brüssel kommt es gelegentlich zu kurzen Begegnungen. Auf Wörner folgt der damalige SPD–Fraktions–und Parteivorsitzende Hans–Jochen Vogel. Boshard: „Auch mit ihm konnte man reden.” Ganz unwichtig ist das nicht. Denn bei aller Professionalität: Zur Not muss der Personenschützer bereit sein, sein eigenes Leben für das des anderen einzusetzen. Wenn die Schutzperson mehr ist als ein Objekt der Arbeit, so meint Boshard heute, würde ihm das vermutlich leichter fallen. Doch er freut sich, dass er nie in solch eine kritische Lage gekommen ist. Als Personenschützer von Vogel hat er dienstlich in Israel zu tun. Als eine deutsche Delegation Tel Aviv besucht, kommt es 1991 zu einem Raketenangriff aus dem Irak. Zusammen mit anderen Gästen muss Boshard Schutz in einem hermetisch versiegelten Raum suchen. Es gibt eine Fernsehübertragung vom Dach des Hotels: „Da konnten wir sehen, wie sieben Kilometer von uns entfernt eine Rakete einschlug, die nicht von der israelischen Raketenabwehr abgefangen wurde.” Boshard: „Da kam Angst auf. Man hat überhaupt keine Möglichkeit, irgendetwas zu tun. Viele Menschen haben da gebetet.”

Straftäter bekommen eine neue Identität
Wenn ihn auch manche Wahrnehmung im politischen Alltag der Schutzpersonen desillusioniert, „waren es doch interessante Jahre”, meint er. Anschließend – 1986 – wechselt er in den Zeugenschutz: „Das war noch spannender.” Er muss sich um die Sicherheit von ehemaligen Kriminellen kümmern, die bei der Aufklärung eines Verbrechens gegen Mittäter ausgesagt haben. Die Menschen, die er betreut, müssen sich oft ein neues Leben im Ausland aufbauen. Das ist nicht einfach, wenn sie aus ihrem angestammten Milieu herausgerissen werden. Was tun? Beim Einleben haben auch Christen geholfen, erinnert sich Boshard. Warum? Sie gehen offen auf neue Menschen zu. Als Christ kennt er in vielen Ländern Gleichgesinnte – Einheimische und Missionare. Von dort wechselt er in die Verhandlungsgruppe des Bundeskriminalamtes. Sie wird eingeschaltet, wenn Deutsche im Ausland Opfer von Entführungen, Geiselnahmen oder Erpressungen werden. Er kümmert sich um Landsleute, die in Kolumbien von linksradikalen FARC-Guerillakämpfern und in der Sahara von aufständischem Tuareg entführt werden. Die Verhandlungen führen zur Freilassung der Opfer. Einfach ist der Dienst nicht. Denn im Krisenstab des Auswärtigen Amtes in Berlin arbeiten verschiedene Dienststellen mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Das Ende seiner beruflichen Karriere verbringt Boshard im Kriminaldauerdienst im Bundeskriminalamt in Meckenheim. Von dort aus unterstützt er den Aufbau einer solchen Dienststelle in der neugeschaffenen BKA Außenstelle in Berlin. Dort gibt es eine Hotline, die er vier Jahre lang betreut. Wenn es Anzeichen gibt, dass irgendwo ein Terroranschlag geplant wird – in der Stelle werden die Informationen gesammelt und ausgewertet, auch im Zusammenhang mit dem islamistischen Terror.

Er warnt Senioren vor Trickbetrügern
Seit elf Jahren ist er nun im Ruhestand. Aber der Polizeidienst lässt ihn nicht los. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Christlichen Polizeivereinigung (CPV) im Bundesvorstand. Er wird von Kirchen und Schulen eingeladen, um über die Polizeiarbeit zu erzählen. Wenn es dabei um das Thema Angst geht, freut er sich: „Das ist eine Steilvorlage, um über meinen christlichen Glauben zu erzählen.” Er kommt dann oft auf einen Bibelvers in Jesaja 43 zu sprechen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!” Er berichtet dann von seinem großen Gott, „der seine Hand über mich hält”.
Zudem engagiert er sich ehrenamtlich in der polizeilichen Beratungsarbeit des Polizeipräsidiums Bonn, um Senioren vor Trickbetrügern zu schützen, die sich als "Enkel" oder "Polizisten" ausgeben, um an das Geld oder den Schmuck ihrer Opfer zu kommen. Sein Tipp: „Ruft Sie eine Person an, die Sie nicht kennen – das Telefonat sofort beenden. Steht eine unbekannte Person an der Tür, bleibt sie zu.” Er kann verstehen, dass manche Senioren Probleme mit diesem Rat haben, weil sie gelernt haben, Fremde hereinzubitten. Doch die Zeiten haben sich geändert. Und selbst, wenn ein dem Wohnungsinhaber unbekannter Gasableser vorbeischaut, sei es auf jeden Fall ratsam, einen Nachbarn hinzuzubitten. Sonst öffne der vermeintliche Mitarbeiter der Gaswerke vielleicht in einem unbemerkten Moment einem anderen die Tür, der dann die Schubladen und Schränke durchwühlt: „Es ist besser, unhöflich zu sein, als ein Opfer von Betrügern oder Dieben zu werden.”

Immer wieder Gottes Führung erlebt
Ehrenamtlich engagiert er sich im Leitungskreis der Freien Brüdergemeinde in Meckenheim. Die Gemeinde ist aus einem kleinen Hauskreis entstanden, in den er zusammen mit seiner Familie gewechselt ist, nachdem es ihm wegen der beruflichen Verpflichtungen nicht gelang, in der Kirchengemeinde Fuß zu fassen. In der Gemeinde hält Boshard auch immer wieder die Predigt. In seiner Freizeit schaut er sich – man glaubt es kaum – gerne Krimis im Fernsehen an. Entspannen kann er bei der Sendung "Der Kriminalist" im ZDF und manchen Folgen vom "Tatort" in der ARD. Wenn die Handlung seinen christlichen Wertvorstellungen zuwiderläuft, schaltet er ab. Allerdings ist im klar, dass die gezeigte Polizeiarbeit wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat: „Darüber kann ich mich herrlich aufregen. Was da oft alles für dummes Zeug gesagt wird.” Er weiß es besser: Denn er war 43 Jahre lang im Polizeidienst. Und im Blick auf seinen Glauben bekennt er: „Ich habe überall immer wieder Gottes Führung erlebt.”

Der göttliche Friedensbogen
Im Rückblick auf seine Erfahrungen im Umgang mit dem RAF-Terrorismus, seine Einblicke in die Ermittlungen seiner Kollegen zum Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt und zum Anschlag von Hanau sagt er: „Ich kann mich gut in die Kollegen hineinversetzen, unter welchem großen physischen und psychischen Druck sie stehen.” Was hätte ihm geholfen, damit umzugehen? Er verweist auf den von den Nazis umgebrachten Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Zu dem Bibelwort aus dem Philipperbrief „Der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken bewahren in Christus Jesus” (4,7) schrieb er: „Der Friede Gottes ist die Treue Gottes unserer Untreue zum Trotz, im Frieden Gottes sind wir geborgen, behütet und geliebt. Freilich, er nimmt uns unsere Sorge, unsere Verantwortung, unsere Unruhe nicht völlig ab, aber hinter all dem Treiben und Sorgen ist der göttliche Friedensbogen aufgegangen …”

© ideaSpektrum 11/2020