Der ewige Kollege – Reportagen aus der Nähe des Todes

Buchcover Der ewige Kollege

Es ist ein besonderes Thema und ein Buch, das die Grafikdesignerin Alice Bodnár für das Göttinger Verlagshaus Vandenhoeck & Ruprecht gestaltet und verfasst hat. Und es ist ein wertvolles Buch, das seinesgleichen in der Verlagslandschaft vergeblich sucht.

Vielleicht ist es gerade die sorgfältige Auswahl an Autoren, die das Werk so anziehend macht. Mit Menschen aus dem Bestattungswesen, dem pflegerischen und medizinischen Bereich, aber auch der Polizei erscheint es auf den ersten Blick als eine bunte, interdisziplinäre Mischung von Fachleuten rund um das Thema Tod, aber die Auswahl der Interviewpartner für dieses Thema konnte treffender nicht sein.

Zielsicher steht zu Beginn des die spritzige Qualität einer Collage versprühenden Sammelbandes ein Beitrag aus dem Bestattungswesen. Damit stellt Alice Bodnár von Beginn an klar, worum es ihr thematisch geht, nämlich darum, dieses im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtige Thema vom Endpunkt her aufzurollen und es aus einer Nische zu befreien, in die es durch unsere Gesellschaft gestellt, ja verbannt wurde.

Bereits in ihrer treffend formulierten Einleitung entlarvt sie wortgewandt den im abendländischen Europa insgesamt gescheiterten Versuch, “den Tod zu domestizieren” und bringt damit die von ihr mit ihrem stilistisch hervorragend gestalteten Buch erwünschte Zielrichtig auf den Punkt. Dieses Buch soll aufrütteln, nachdenklich machen und über die Generationen verschüttetes Gedanken– und Gefühlsgut wieder neu ans Tageslicht und in die Herzen bringen.

Zu diesem Zweck scheut sich die Autorin auch nicht, wissenschaftliche Reminiszenzen neu zu entdecken und in die gesellschaftliche Diskussion in einem modernen Gewand einzubringen, was das einschlägige Verzeichnis der genutzten Literatur beweist.

Insbesondere die von der Autorin an ihre Interviewpartner gestellten Fragen umkreisen in immer enger werdenden Runden die einzelnen Themen und dringen zielsicher zum Kern dessen vor, was die befragten Menschen zum Thema Sterben und Tod zu sagen haben. Vor jedes Interview stellt die Autorin eine passende Einleitung, die zum Befragungsthema hinführt.

Die einzelnen Beiträge seien im Folgenden nur kurz angerissen, damit der potenzielle Leser Geschmack auf Mehr bekommt.

In dem Beitrag über das heutige Bestattungswesen beschreibt der Autor, ein Bestatter aus Zeitz, den gesellschaftlichen Wandel des Abschieds von den Verstorbenen. Im Zentrum seiner tief gehenden Gedanken konstatiert er den Niedergang des Trauerns als wichtige Aufgabe des übergangs bei dem Verlust nahe stehender Menschen. Den Ursachen für diese Entwicklung spürt der Autor mit interessanten Argumenten nach.

Eine Ärztin und eine Psychologin der Berliner Charité berichten ebenso informativ wie einfühlsam aus ihrer Arbeit in der Onkologie. Ihre Motivation, auch sterbende Krebspatienten wirksam unterstützend zu begleiten, wird an vielen Antworten deutlich. Sie lässt die letzte Lebensphase als einen besonderen Lebensabschnitt einer finalen Aktivität, des Bilanzierens und des übergangs erscheinen.

In einem weiteren Beitrag beschreibt ein Beamter der hessischen Kriminalpolizei sachlich die einzelnen Schritte der Ermittlungen unnatürlicher Todesfälle. Die einfühlsame menschliche Qualität seiner Antworten wird besonders daran deutlich, dass er den Lesern einen Einblick in sein Seelenleben nicht verwehrt. Eindrücklich beschreibt er, dass seine dienstlichen Erfahrungen ihn sein ganzes Leben begleiten und Erinnerungen an Tatorte nicht mit einem Schalter ausgeknipst werden können. Dieser Beamte hatte mit dem so genannten “Kannibalen von Rotenburg” einen ganz besonders öffentlichkeitswirksamen Kriminalfall zu ermitteln und lässt die Leser an seinen Gedanken teilhaben.

Zwei Berliner Kriminalbeamte beschreiben ebenso informativ wie ihr hessischer Kollege ihre ermittlungstaktische Arbeit und deren fachliche Mechanismen. Sie berichten u. a. auch über bedeutende Berliner Kriminalfälle der letzten Jahre wie den Fall eines so genannten “Ehrenmordes” an einer 23jährigen jungen türkischstämmigen Mutter, die von ihrer eigenen Verwandtschaft ermordet wurde. Wertvoll sind auch ihre Gedanken zu ihrer Berufsmotivation und zu den besonderen Glücksmomenten eines Kriminalbeamten.

Eine zu den anderen Beiträgen auf den ersten Blick vollkommen gegensätzliche Welt wird in einem Beitrag deutlich, der die Arbeit einer Kinderkrankenschwester in einem Kinderhospiz beschreibt. Entgegen der landläufigen und durch Tabus geförderten Unkenntnis über die praktischen Aufgaben in einem Hospiz wird schnell deutlich, dass es eben nicht nur um die letzte Lebensphase kurz vor dem Tod geht, wenn die Hospizbewegung betrachtet wird. Es geht um viel mehr; denn Hospizarbeit fängt bereits im Zuhause der Patienten an und lebt insbesondere von einer guten und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Medizinern, denen die Palliativmedizin kein Fremdwort, sondern ein wertvoller Bestandteil ihrer Arbeit ist. Die Gedanken der Krankenschwester über ihre unheilbaren und bewundernswert mutigen kleinen Patienten gehen zu Herzen und berühren jeden Leser zutiefst.

In dem Interview eines Hamburger Rechtsmediziners wird die detektivische Arbeit seiner Profession deutlich, die oft dazu beitragen kann, die Todesursache so genau zu klären, dass sie auf das Verhalten bestimmter verdächtiger Personen zurückgeführt werden kann. Ebenso werden aber auch die Grenzen der Rechtsmedizin deutlich, wenn die Diskrepanz zwischen der großen Anzahl von Verdachtsfällen und der geringen Anzahl in Deutschland vorgenommener Obduktionen sauber herausgearbeitet wird. Auf eine sehr transparente und anschauliche Weise wird hier ein Einblick in ein Berufsfeld eröffnet, das den Lesern sonst nur aus Fernsehkrimis und damit verfälscht bekannt geworden ist.

Der letzte Buchbeitrag widmet sich der Altenpflege und lässt den Lesern an den Erfahrungen eines hessischen Heimleiters in einem evangelischen Altenheim teilhaben. Eindrücklich berichtet er neben zahlreichen wertvollen Einblicken auch von der seelsorgerlichen Komponente seiner beruflichen Profession und beschreibt die wichtige Zusammenarbeit des Pflegepersonals mit Seelsorgern am Beispiel einer einfühlsam helfenden Pfarrerin.

CPV–Bewertung:
Preis–/Leistungsverhältnis: Hervorragend
Empfehlung: Besonders wertvoll
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Unterschrift Prof. Dr. Dieter Müller

Prof. Dr. Dieter Müller

Der ewige Kollege – Reportagen aus der Nähe des Todes
Autorin: Alice Bodnár
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen
[D] ISBN 978–3–525–40421–8
Verkaufspreis: 24,95 €

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