Mit der Faust in der Tasche

Einst gefeierter Volksheld war der Anführer nun Ausgestoßener aus der Gesellschaft. In den Jahren der Flucht hatten sich ihm Hunderte von Verzweifelten angeschlossen. Überall fahndete die Staatsmacht nach ihm und immer wieder musste er sein Versteck wechseln. Seine Männer waren zu jedem Kampf bereit – er aber blieb ruhig und wartete geduldig ab. Er vertraute darauf, dass seine Zeit noch kommen werde. In turbulenten Situationen betete er und suchte stets die Nähe Gottes – bis zu diesem Tag!

An diesem Tag obsiegte dann doch die Empörung. Statt dankbar für den ihm von dem Anführer gewährten Schutz zu sein, hatte ein reicher Mann ihn verhöhnt und mit seinen Leuten demonstrativ von einem großen Fest ausgeladen. Die Bosheit dieses Dummkopfs schrie geradezu nach Vergeltung. Der Anführer gab die Anweisung, die Schwerter umzugürten, und bewaffnete sich ebenfalls. Noch in derselben Nacht sollte der reiche Narr getötet werden – und mit ihm alle seine Männer.

Torsten Bödeker
Autor ist der Leitende Polizeidirektor Torsten Bödeker, CPV–Landesgruppenleiter Hamburg

 

Wer diese Geschichte über David in der Bibel – im 1. Buch Samuel, Kapitel 25 – nachliest und den historischen Kontext bedenkt, kann dessen Wut und Zorn nachvollziehen. Beinahe hätte David große Schuld auf sich geladen. Wie er durch die Klugheit der Ehefrau des reichen Mennes von dem beabsichtigten Gemetzel abgehalten wird, ist eine Geschichte für sich. Für David bleibt am Ende die Erkenntnis, dass Empörung ein schlechter Ratgeber ist.

An David und seinen Zornesausbruch musste ich vor einiger Zeit denken, als ich in der Zeitung die drastische Einschätzung eines Sicherheitsexperten las, wonach zunehmend Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden ihren Dienst "mit der Faust in der Tasche" verrichten. Die Sorge über die Entwicklung von Gewaltkriminalität und Terrorismus sowie auch manche Kritik an der Politik kann ich nachvollziehen. Aber wer auf Gott vertraut, steht nie "auf verlorenem Posten". Gottes Gerechtigkeit wird sich durchsetzen. Oder wie ein Referent beim Bundestreffen der Christlichen Polizeivereinigung – allerdings mit großer Perspektive – sagte: Eines Tages wird sich jeder vor Gott verantworten müssen. Sanftmütigkeit und Friedfertigkeit werden geehrt. Jeder falsche Medienbericht wird klargestellt werden.

"Die Faust in der Tasche" ist immer ein schlechter Ratgeber. Dies gilt besonders, wenn die Straftäter entkommen. Oder wenn der Ungerechte "Recht bekommt". Empörung ist aber auch ein schlechter Ratgeber bei Konflikten am Arbeitsplatz, in der Familie oder unter Nachbarn. Nach einem Sprichwort sind Zorn und Wut so zerstörerisch wie ein reißender Strom.

David wurde nach Jahren der ungerechten Verfolgung und Flucht die Königsherrschaft anvertraut. In Psalm 37 fasst er seine wichtigen Erfahrungen mit Gott zusammen: „Entrüste dich nicht über die Unheilstifter und beneide nicht die Menschen, die Böses tun! … Befiehl dem HERRN dein Leben an und vertraue auf ihn, er wird es richtig machen. … Warte still und geduldig darauf, dass der HERR eingreift! Entrüste dich nicht, wenn Menschen böse Pläne schmieden und sie dabei auch noch Erfolg haben! Lass dich nicht von Zorn und Wut überwältigen, denn wenn du dich ereiferst, gerätst du schnell ins Unrecht.”

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